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Angst vor Krankheiten – Wenn jedes Symptome zur Sorge wird

  • 9 Min. Lesezeit
Angst vor Krankheiten – Wenn jedes Symptome zur Sorge wird

Warum können harmlose Symptome plötzlich Angst machen?

Ein Ziehen im Bauch, ein ungewöhnlicher Herzschlag oder Kopfschmerzen, die gestern noch nicht da waren: Körperliche Veränderungen fallen manchmal einfach auf. Bei Krankheitsangst bekommen solche Empfindungen jedoch schnell eine besondere Bedeutung. Aus der Frage „Was ist das?“ wird innerhalb kurzer Zeit „Was, wenn ich ernsthaft krank bin?“

 

1. Wenn jede Körperempfindung eine Bedeutung bekommt

Unser Körper fühlt sich nicht jeden Tag gleich an. Muskeln verspannen sich, die Verdauung verändert sich, irgendwo zieht oder drückt es. Vieles davon verschwindet wieder, ohne dass wir ihm größere Aufmerksamkeit schenken. Bei ausgeprägter Krankheitsangst kann genau das schwierig werden. Eine Empfindung wird nicht nur wahrgenommen, sondern unmittelbar bewertet. Kopfschmerzen sind dann nicht einfach Kopfschmerzen – im Kopf taucht vielleicht bereits die Möglichkeit einer schweren neurologischen Erkrankung auf. Ein auffälliger Herzschlag führt zur Sorge, mit dem Herzen könnte etwas nicht stimmen. Damit verändert sich auch die Aufmerksamkeit.

Wer befürchtet, krank zu sein, beginnt möglicherweise genauer hinzusehen: Ist das Ziehen noch da? Fühlt sich die linke Seite anders an als die rechte? War dieser Fleck gestern schon so groß? Je genauer der Körper beobachtet wird, desto mehr lässt sich finden. Empfindungen, die vorher kaum aufgefallen wären, rücken plötzlich in den Vordergrund. Bei Krankheitsangst kann diese verstärkte Selbstbeobachtung Teil eines Kreislaufs werden, in dem normale oder unspezifische Körperwahrnehmungen zunehmend als gefährlich interpretiert werden. Das bedeutet nicht, dass Betroffene ihre Empfindungen erfinden. Die Wahrnehmung kann real sein – problematisch wird die bedrohliche Bedeutung, die ihr immer wieder gegeben wird.

 

2. Warum sich die Sorge vor einer Krankheit so real anfühlt

Von außen erscheint eine Befürchtung manchmal schnell widerlegt: Die Untersuchung war unauffällig, die Ärztin sieht keinen Grund zur Sorge – also müsste die Angst doch verschwinden. Bei Krankheitsangst funktioniert das häufig nicht so einfach. Denn zwischen „Es wurde nichts gefunden“ und „Ich bin sicher gesund“ bleibt ein kleiner Raum für Zweifel. Und genau dort kann sich die Angst festsetzen: Was, wenn etwas übersehen wurde? Was, wenn die Untersuchung zu früh war? Was, wenn dieses neue Symptom etwas anderes bedeutet?

Das Schwierige daran ist die Suche nach vollständiger Sicherheit. Medizinische Untersuchungen können vieles klären, aber niemand kann für jeden zukünftigen Moment garantieren, niemals krank zu werden. Wer genau diese hundertprozentige Gewissheit benötigt, findet deshalb möglicherweise immer einen neuen Grund, weiterzusuchen. So kann die Krankheitsangst auch nach einer beruhigenden Untersuchung zurückkehren. Nicht unbedingt sofort. Vielleicht geht es einige Tage gut – bis eine neue Empfindung auftaucht und die alte Unsicherheit wieder da ist.

Krankheitsangst dreht sich deshalb häufig nicht nur um eine bestimmte Erkrankung. Dahinter kann auch die schwer auszuhaltende Frage stehen: „Wie kann ich sicher wissen, dass wirklich nichts mit mir ist?“ Und genau der Versuch, darauf immer wieder eine endgültige Antwort zu bekommen, kann dazu führen, dass Googeln, Körperkontrollen oder Rückversicherung zunehmend wichtiger werden.

 

Normale Sorge vs. Krankheitsangst

 

Warum beruhigen Googeln und Arztbesuche oft nur kurzfristig?

Wer Angst vor einer schweren Erkrankung hat, möchte vor allem eines: Gewissheit. Deshalb liegt es nahe, Symptome zu googeln, den Körper zu kontrollieren oder andere um eine Einschätzung zu bitten. Das kann zunächst beruhigen. Das Problem ist, dass die Sicherheit häufig nicht lange anhält. Wiederholte Rückversicherung und Körperkontrollen sind bei ausgeprägter Krankheitsangst typische Muster.

 

1. Wenn die Suche nach Symptomen noch mehr Unsicherheit schafft

Es beginnt vielleicht mit einer einfachen Suche: „Kopfschmerzen seit drei Tagen“. Schon wenige Sekunden später erscheinen zahlreiche mögliche Ursachen. Neben häufigen und harmlosen Erklärungen finden sich fast immer auch schwere Erkrankungen. Wer ohnehin beunruhigt ist, bleibt leicht genau an diesen Möglichkeiten hängen. Dann folgt die nächste Suche. Und noch eine.

Kann diese Krankheit auch ohne andere Symptome auftreten? Wie fühlen sich die Kopfschmerzen dabei an? Kann ein Arzt das übersehen?

Aus dem Versuch, sich zu beruhigen, wird so eine immer detailliertere Beschäftigung mit Krankheiten. Gleichzeitig wächst das Wissen über mögliche Symptome – und damit auch die Zahl der Dinge, auf die beim eigenen Körper geachtet werden kann. Das Internet kann medizinische Informationen liefern. Bei Krankheitsangst kann die Suche jedoch eine andere Funktion bekommen: Sie soll Unsicherheit vollständig beseitigen. Genau das gelingt meist nicht. Statt einer endgültigen Antwort entsteht häufig die nächste Frage.

 

2. Warum Rückversicherung immer wieder nötig werden kann

Ähnlich kann es nach einem Arztbesuch sein. Die Untersuchung ist unauffällig und für einen Moment fällt die Anspannung ab. Doch später taucht vielleicht der Gedanke auf: Habe ich wirklich alle Beschwerden erwähnt? Oder: Was, wenn noch eine andere Untersuchung nötig gewesen wäre? Dann wird erneut nach Sicherheit gesucht – durch einen weiteren Termin, das Fragen von Angehörigen oder erneutes Nachlesen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Arztbesuche bei Beschwerden falsch sind. Neue, anhaltende oder ungewöhnliche körperliche Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden. Problematisch kann vielmehr ein Muster werden, bei dem bereits erfolgte Rückversicherung immer wieder erneuert werden muss, ohne dass daraus längerfristig Sicherheit entsteht. Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied: Medizinische Abklärung soll eine gesundheitliche Frage sinnvoll untersuchen. Bei Krankheitsangst kann Rückversicherung dagegen zunehmend dazu dienen, die Angst für den Moment zu reduzieren.

 

3. Wie daraus ein Kreislauf der Krankheitsangst entsteht

Mit der Zeit können sich die einzelnen Schritte miteinander verbinden: Eine Körperempfindung fällt auf. Sie wird als mögliches Zeichen einer schweren Erkrankung interpretiert. Die Angst steigt. Darauf folgt die Suche nach Sicherheit – etwa durch Googeln, Kontrollieren oder Rückversicherung. Kurzzeitig wird es besser. Doch beim nächsten ungewöhnlichen Körpergefühl beginnt alles von vorne. Das Tückische daran: Die kurzfristige Erleichterung kann gerade dazu beitragen, dass die Strategie beim nächsten Mal wieder eingesetzt wird. Der eigentliche Umgang mit Unsicherheit verändert sich dadurch nicht. So wird die Frage irgendwann nicht mehr nur:

„Was bedeutet dieses Symptom?“ Sondern immer häufiger: „Was muss ich tun, damit ich endlich sicher sein kann, dass ich nicht krank bin?“

Und genau an diesem Punkt setzt langfristige Hilfe anders an. Nicht indem immer noch eine weitere Sicherheit geschaffen wird, sondern indem sich der Umgang mit Körperempfindungen, beunruhigenden Gedanken und medizinischer Unsicherheit verändert. Kognitive Verhaltenstherapie arbeitet grundsätzlich genau an solchen Zusammenhängen zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen.

 

Was hilft gegen die ständige Angst, krank zu sein?

Wer unter Krankheitsangst leidet, wünscht sich meist vor allem eines: endlich sicher zu wissen, dass alles in Ordnung ist. Langfristig liegt der Ausweg jedoch häufig nicht darin, noch mehr Sicherheit zu suchen. Hilfreicher ist es, den Umgang mit den eigenen Gedanken, Körperempfindungen und der unvermeidbaren Unsicherheit rund um Gesundheit zu verändern.

 

1. Den eigenen Körper nicht ständig überprüfen

Wenn Du Angst vor einer bestimmten Erkrankung hast, erscheint es zunächst logisch, den Körper besonders aufmerksam zu beobachten. Vielleicht tastest Du regelmäßig eine bestimmte Stelle ab. Du kontrollierst Deinen Puls oder vergleichst beide Körperseiten miteinander. Kurz danach fühlt sich alles unauffällig an – und die Anspannung sinkt. Doch diese Erleichterung hat einen Haken: Beim nächsten Zweifel entsteht schnell wieder das Bedürfnis zu kontrollieren.

Deshalb kann es sinnvoll sein, solche Kontrollen nicht automatisch auszuführen. Das bedeutet nicht, körperliche Beschwerden grundsätzlich zu ignorieren. Es geht darum, zu erkennen, wann aus sinnvoller Aufmerksamkeit ein wiederkehrendes Kontrollritual geworden ist, das vor allem der Beruhigung dienen soll. Statt sofort nachzuprüfen, kannst Du beispielsweise beobachten, ob Du den Impuls zunächst eine Weile stehen lassen kannst. Das fühlt sich anfangs möglicherweise unangenehm an. Genau dabei entsteht aber eine wichtige Erfahrung: Nicht jede Unsicherheit muss unmittelbar aufgelöst werden.

 

2. Den Drang nach Sicherheit Schritt für Schritt verändern

Dasselbe gilt für das Googeln oder Nachfragen bei anderen. Der entscheidende Schritt lautet nicht unbedingt: Ab heute google ich nie wieder ein Symptom. Solche absoluten Regeln können schnell zum nächsten Kampf werden.

Interessanter ist die Frage: Warum möchte ich gerade suchen? Brauche ich tatsächlich eine medizinische Information? Oder hoffe ich, durch die Suche meine Angst für die nächsten Minuten loszuwerden?

Wenn es vor allem um Beruhigung geht, kann es helfen, die Reaktion zunächst aufzuschieben. Nicht sofort die Suchmaschine öffnen. Nicht zum dritten Mal jemanden fragen, ob ein Muttermal normal aussieht. Nicht unmittelbar einen bereits überprüften Körperbereich erneut kontrollieren. Damit verschwindet die Unsicherheit nicht sofort. Aber genau das ist der Punkt: Der Umgang mit Krankheitsangst besteht nicht darin, absolute Gewissheit über den eigenen Körper herzustellen, sondern Unsicherheit besser aushalten zu lernen. Das ist auch ein Grundgedanke kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze: belastende Bewertungen zu erkennen, zu hinterfragen und bisherige Verhaltensmuster zu verändern.

 

3. Wie eine kognitive Verhaltenstherapie helfen kann

Wenn die Krankheitsangst stark ausgeprägt ist, muss dieser Prozess nicht allein bewältigt werden. Bei krankheitsbezogenen Ängsten gehören kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zu den etablierten Behandlungsverfahren. In der Therapie kann beispielsweise untersucht werden, was zwischen einer Körperempfindung und der daraus entstehenden Angst passiert. Aus „Mein Herz schlägt gerade schneller“ wird vielleicht automatisch „Mit meinem Herzen stimmt etwas nicht.“ Statt diesen Gedanken einfach durch ein beruhigendes „Es wird schon nichts sein“ zu ersetzen, wird genauer betrachtet: Wie komme ich zu dieser Schlussfolgerung? Welche anderen Erklärungen sind möglich? Und was tue ich anschließend, um meine Angst zu reduzieren?

Gerade das Verhalten ist wichtig. Denn wenn Googeln, Kontrollieren oder Rückversicherung immer wieder kurzfristig beruhigen, kann es sinnvoll sein, diese Muster gezielt zu verändern. Kognitive Verhaltenstherapie arbeitet grundsätzlich an genau diesem Zusammenspiel von Gedanken, Gefühlen und Verhalten. Das Ziel ist dabei nicht, sich einzureden, dass man niemals krank werden kann. Es ist realistischer – und langfristig hilfreicher: Nicht jede Körperempfindung muss sofort erklärt werden. Nicht jeder beunruhigende Gedanke braucht eine Antwort. Und nicht jede Unsicherheit muss verschwinden, bevor Du Deinen Alltag weiterleben kannst.

 

Wann wird Krankheitsangst behandlungsbedürftig?

Nicht jeder Gedanke an eine mögliche Erkrankung braucht therapeutische Hilfe. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Raum die Sorge im Alltag einnimmt. Wenn sich ein großer Teil des Tages um den eigenen Körper und mögliche Diagnosen dreht, kann es sinnvoll sein, professionelle Unterstützung zu suchen. Auch die Schön Klinik beschreibt den Übergang von normaler Gesundheitsfürsorge zu ausgeprägten Gesundheitsängsten als fließend.

 

1. Wenn die Sorge den Alltag zunehmend bestimmt

Ein wichtiger Hinweis ist, wenn Du beginnst, Deinen Alltag nach der Angst auszurichten. Vielleicht fällt es Dir schwer, Dich bei der Arbeit zu konzentrieren, weil Du gedanklich immer wieder bei einer möglichen Erkrankung landest. Du sagst Aktivitäten ab, weil Du Deinen Körper beobachten möchtest. Oder ein eigentlich schöner Abend wird davon überschattet, dass Du innerlich darauf wartest, ob ein bestimmtes Gefühl wiederkommt.

Auch das andere Extrem ist möglich: Manche Menschen vermeiden alles, was sie mit Krankheit verbinden – medizinische Sendungen, Gespräche über Diagnosen oder sogar notwendige Untersuchungen. Spätestens wenn die Sorge Lebensqualität, Beziehungen oder Alltag deutlich beeinträchtigt, sollte sie nicht mehr nur als „Ich mache mir eben viele Gedanken“ abgetan werden.

Dabei geht es nicht darum, Dir einzureden, dass körperliche Beschwerden grundsätzlich psychisch verursacht sind. Medizinische Fragen und Krankheitsangst schließen sich nicht gegenseitig aus. Sinnvoll ist vielmehr eine Versorgung, die körperliche Befunde berücksichtigt und gleichzeitig die Angst selbst ernst nimmt. Auch spezialisierte Behandlungsansätze verbinden zunächst die vorhandenen medizinischen Befunde mit einem psychotherapeutischen Erklärungsmodell.

 

2. Wo du professionelle Unterstützung findest

Eine erste Anlaufstelle kann die hausärztliche Praxis sein. Besonders hilfreich kann es sein, offen anzusprechen, dass nicht nur einzelne Beschwerden belasten, sondern auch die ständige Angst vor möglichen Erkrankungen. Bei ausgeprägter Krankheitsangst kann anschließend psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. In der Behandlung geht es unter anderem darum, individuelle Ängste und die Faktoren zu verstehen, die sie immer wieder aufrechterhalten, und neue Möglichkeiten im Umgang damit zu entwickeln. Du musst dafür nicht warten, bis die Angst Deinen gesamten Alltag bestimmt. Ein guter Zeitpunkt, Hilfe zu suchen, ist bereits dann, wenn Du bemerkst: Ich bekomme zwar immer wieder kurz Sicherheit – aber nie dauerhaft Ruhe. Genau dort liegt letztlich auch der Kern von Krankheitsangst. Das Ziel muss nicht sein, absolute Gewissheit über die eigene Gesundheit zu erreichen. Viel wichtiger ist, dass die Frage „Was, wenn ich krank bin?“ irgendwann nicht mehr bestimmt, wie Du Deinen Tag verbringst.

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